Freitag, September 24, 2010

Street View.

Neulich unterhielt ich mich über CMC, als das Gespräch kurz eine Dissertation eines Augsburger Lehrstuhlmitarbeiters der Sprachwissenschaft Anglistik streifte. In selbiger wurden, natürlich unter anderem, der Zweck von Blogs gelistet. Nicht genannt wurde, dass man sich nach einem Blogeintrag einfach fühlt, als wäre der Tag effektiver gewesen, als hätte man mehr erreicht.

Ebenso wenig wird darin aufgeführt, dass man wohl blog-schreibend gewisse Hypes mitmachen sollte. Nachdem ich nun schon die Loveparade ebenso wie den Blumenkübel verpasst habe (war die Kongruenz dieser Phänomene in ihren medialen Strukturen der verbittert-zynische Abklatsch auf die Sensationsgesellschaft?), habe ich nun zumindest eine nette Anekdote zu Google's Streetview (Street View? streetview? Streetwie?).


Das kam nämlich so. Wie die Meinungsführer von Twitter losblökten und die Blogger mitunkten, als die Zeitungen mit dem ihnen eigenen Delay mitquäkten und die Politiker in Urlaub gingen, da hab ich mir als Smalltalk-Aussage im Kopf sozusagen zurechtgelegt, dass ich, angesprochen auf "mein Haus", sagen würde, dass das elterliche Landhaus so weit außerhalb ist, wenn da ein Streetview Mobil vorbeifährt, dann werfen wir schon Wasserbomben vom Mond auf Nordkoreanische Raumstationen. So dachte ich.

Das nächste Ausweichargument mit Falltür wäre dann gewesen, ob denn das alles ziemlich sehenswert ist. Also irgendwann, wenn ich in 10 Jahren ganz woanders wohne, dann könnte ich die alte Straße daheim ablaufen. Und man könnte sehen, wie doof das sein muss, auf einem Dorf aufzuwachsen: "Kommt nur, ihr Esoteriker, mit euren Träumen von Bayrischen Oberland, wo ist euer Gott unter 300 Einwohnern ohne einem Gleichaltrigen?" Man könnte sehen, wie nervig das Rasenmähen damals war, weil alle zwei Wochen ein neuer Strauch gepflanzt wurde, den ich dann ummähen sollte, weil er zum einen so doof in den Weg gepflanzt wurde und zum anderen nicht unterscheidbar vom gängigen Unkraut. Andererseits würde ich auch schmunzeln, für mich ist das ja alles inhaltsgeladen. Und sicherlich gibt mir das später mal das Simulacrum von Sicherheit und Geborgenheit, wenn ich die Straße in der designierten Heimat in 2-6 Jahre alten Fotos ablaufen kann.

Aber wen interessiert das?

Eigentlich solltet ihr jetzt eine der beiden Alternativen klicken dürfen, wie damals bei der Insel der Tausend Gefahren, denn wenn ich schon über Streetview schreibe, sollte man doch auch wandern können, oder? Aber leider hab ich keinen Schimmer, wie ich das hier in blogspot reinscripte und auch keine gesteigerte Lust, das jetzt gerade heraus zu finden. Insofern gibt's folgend einfach beide Betrachtungsmöglichkeiten, der Reihe nach. Mit dem positiveren höre ich auf, das scheint sinnvoll.

Wen interessiert das?

Hm, ich weiß nicht?

Na, keine dumme Sau! Um ehrlich zu sein, sollte man nur Innenstädte abfahren. Alles, was sonst noch interessant sein könnte, weiter außerhalb, ist sowieso kartografiert oder archiviert. Aber was interessiert mich die potzhässliche Reihenhausfassade in Haunstetten oder Buchloe? Ich fuhr einmal von Norden von der Autobahn durch Halle, es hat geregnet, und wie regnet es in Texten? Richtig, in Strömen. Ich fahre also durch das Halle, das man sich eh schon richtig widerlich vorstellt, und dann fährt man da im Jahr 2006 noch an sage und schreibe 9 (Neun!) Kilometer Plattenbauten vorbei. Rar unterbrochen durch Sexshops und Tabledance-Bars sowie billigen Kneipen. Ja wäh. Schleichts euch!

Ich will ja nichtmal die sehen, die da drinnen wohnen, wozu also Benzin rausschleudern, fahrt da hin, eine Aufnahme, dann einfach Copy und Paste. Fertig. Ich will nicht die dummen Leute sehen, die sich vor ihre betonierten 80m² Deutschland Schilder hinkleben wie "Vorsicht vor dem Hunde". Bleibt mir gestohlen. Ich bin schon genervt, wenn ihr an Marktsonntagen die Innenstadt stürmt, einkauft in Läden, die euren Kitsch betonen, essen geht in Fastfood-Stationen, über die ihr dann beim Abendbrot lästern könnt, vor einem Fernseher, in dem euch die eigene Verdammtheit auch noch vor Augen geführt wird, damit ihr noch mehr Galle produziert, die ihr dann mit 34 vor dem Krankenhaus bei all den Rauchern ablässt, während eure eine Hand die rote L&M hält und die andere die Infusionsstange für das Insulin. Haut ab, lest die Bild, schaut RTL, smoke some fags, play some pool. Aber nervt mit eurem konzentrierten Spießbürgertum nicht noch mehr die Generation, die euch mal beerdigt. In Fernsehsendungen steht ihr vor euren dummen Eigenheimen oder Doppelhaushälften und beklagt Transparenz. Fuck off.

Konsul aus Ecuador. Haha, Konsul. Jaja.
Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass ich auch die Leute aus Harlaching oder Dahlem kaum sehen kann. Diese kaputten Patchwork-Familien, Kinder aus erster Ehe die von allen verstoßen werden, verwöhnte Fratzen in komplett-Burberry mit 3 Jahren. Hausfrauen, ungebildet aber dank einst geilem Arsch jetzt im Cayenne oder Großkriminelle aus aller Herren Länder. Ihr lasst euch diese Bauhaus-Memorabilia hinstellen in privilegierte Lagen, nur damit ihr sie drinnen genauso mit eurem peinlichen Goldkitsch aufpeppen könnt, Küchen, halb so teuer wie das Auto für die Kinder, obwohl ihr nicht mal wisst, was eine Demi-Glace ist.

Die Schicksale hinter dem Materiellen dürfen Soziologen studieren, sie lassen sich kategorisieren, in Schubladen, welche die Farbe von diesen Reihenhäusern haben, einordnen, man kennt sie, zu Hunderten liegen sie in Form von pdfs oder case studies in Agenturen, die euch dann mit noch mehr nutzlosem Füttern, dass ihr nicht braucht. Aber woher sollt ihr das auch alles wissen, wenn ihr den Blick nicht über den Block hinauswagt? Bah, dummes Deutschland.

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Na, mich interessiert das!

Neulich kam ich dazu, das idyllisch gelegene Dorf Mongrassano in Kalabrien zu googlen. Ich war also in googlemaps auf dem iPhone über Mongrassano und wie ich da so schwebe, da ist neben der eingegebenen Adresse so ein gelbes Männchen, und da wusste ich nicht, wofür das steht, also habe ich mal draufgeklickt. Dann zoomt das Ding hinein, schön animiert, und schwupp, steh ich mitten in diesem kalabrischen Bergdorf, unweit dessen man einen Berg besteigen kann, von welchem man beide Küsten sieht. Toll, oder? Ich bekam dann eine Stadtführung, nein, Dorfführung, bekam erklärt, dass hier die einzige Bar ist, wo sonst die alten Leute davorsitzen (ob sie panisch geflohen sind? Siesta?), wie Hochzeiten in Italien gefeiert werden, bekam Innenhöfe beschrieben, dachte nach über den Einfluss der Mauren und das war eigentlich alles sehr sehr schön. Es hat eigentlich nur noch so ein Alberto gefehlt, der in diesen Dreirädern vorbeirattert.

Und wenn man die Augen schließt und durchatmet, dann hat man den Geruch von Pinienfeldern in der Nase, oder den Gedanken an pfirsichfarbene Hänge am Gargano in schwer-süßem Duft, die Intensität einer kleinen Olivenöl-Manufaktur in Neapel, wo man aus ranzigen großen Tonnen mit einem kleinen Plastiklöffel kostet, was 'Extra Vergine' ist. Mir fällt ein, wie ich auf dem Piazza San Marco Tauben mit Maiskörnern füttern durfte und ich ihnen dann hinterherlief. Ich bereuhe, damals in den Gassen von Venedig die frisch gefangen Krabben zu schmähen. Die Begeisterung über die riesigen Ostereier und die so resultierende Ahnung vom Temperament und der Feierfreudigkeit in Italien. Später das Staunen über San Gimignano und die Türme der verschiedenen Familien, noch später immer die Erinnerung an Florenz, Siena, die Medici, wenn ich Dan Brown las oder Macchiavelli. Soviel Klischee in dem erwähnten Alberto steckt, so gut ist die Erinnerung an die schöne Zeit in Italien. Und ich hab das ja nur als Tourist alles erlebt, wie mag das Ansässigen gehen? Che bello! Und alles nur, weil ich zufällig in Mongrassano abgestürzt bin. Danke!

Mit Streetview konnte ich den Highway Number One von LA Richtung San Francisco abfahren, ich könnte meine Gedanken vor dem Eiscafé abstellen, wo ich in der dritten Klasse mit der Sandkastenliebe Erdbeerbecher aß. Ich kann in der Straße stehen, in der die shared flat war, in der ich in der Zeit in England gewohnt habe, ich sähe all die doof geparkten englischen Autos, einem davon fuhr ich in heilloser Linksverkehr-Verwirrung einen Rückspiegel ab. Sorry for that. In Würzburg könnte ich an dem Hügel sitzen in Höchberg, wo ich mit 16 zu "Sheila" von den Smashing Pumpkins schwermütig war.

Das war in Berlin, um 8 Uhr morgens auf dem Heimweg. Das Foto half, klar zu sehen.
Das zu schreiben ist ja jetzt schon etwas paradox. Ich kann das ja schon alles, also auch ohne Streetview, sondern weil ich mich nun daran erinnere. Aber manchmal einfach die Gedanken schweifen zu lassen, das ist doch auch gut, ob das über selber schreiben oder Fotos angucken klappt.

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