Freitag, Oktober 15, 2010

Cucumbers on your eyes.

Wenn die schwere Holztür hinter dir zu- und der Blick nach vorn auf Kopfsteinpflaster, Nebel und verwehte Blätter fällt, dann bäumt sie sich noch einmal auf: die weichende Wärme einer tiefen Nacht, die sich den ganzen Weg tapfer bewahrt hat, hinunter aus dem wohlig-warmen Bett, durch die knarzende Küche und das alte Treppenhaus: ein schönes Lied, eine Melodie, die mitsprudelt in deinen Tag und ein ganz cooler Soundtrack sein könnte: Dieses Kribbeln auf der Haut, wie im Thermalbad, wenn man aus dem kalten Becken zurück in eine heiße Quelle steigt und merkt, wie es ganz viele kleine Freudenexplosionen überall gibt, dass man zurück ist, wie ein Schauer ist das dann. Nur eben umgekehrt.
Bild von ktinka, die auch sonst ganz wunderschöne Bilder macht.
Und man macht sich auf den Weg, zur Arbeit, zur Uni, zu dem Grund für das Quälen aus dem Bett, die mühsamen Schritte, das verbissene Gesicht, wenn man merkt, dass es wohl Winter wird und man schon ganz bald gefrorene Backen hat, die sich dann immer so rot anfühlen, wie bei lachenden Weihnachtsmännern aus Porzellan, aber innerlich nur ganz fies garnichts mehr spüren. Und alles ist in diesen ganz spezifischen Herbstfarben, lohfarben möchte man schon sagen, aber auch das passt ja, weil es irgendwo ein Hundewetter ist.
Und wie so die Wärme von außen nach innen weicht, da kommen sie nochmal alle vorbei und sagen Hallo, schön war's, da im Sommer, als wir über den Dächern mit den ersten Sonnenstrahlen die lange Nacht vertrieben oder auf dem Steg am Ammersee, wo die Kids ganz heimlich ihren Joint geraucht haben, während die Eltern ihre Panacotta verdrücken oder das Cantucci nicht in den Espresso oder den Sherry tunkten und wir daneben standen, das Wasser plätschern hörten und Möwen drehten kleine Kreise und man selbst war ganz rundum zufrieden.

Schritt für Schritt, Schnitt für Schnitt, ein Film, mit deinem ganz eigenem Drehbuch, dass du eigentlich auch steuern kannst, weil jede Einstellung, jede Szene die Tür ist zu einem anderen Tagtraum ist:
dream a little dream of me / you wanna be americano / ging nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans.
Szenen siehst du, vergisst, dass du viel zu kalt angezogen und schon ganz weit weg von den grauen Leuten um dich herum in der Tram bist. Das Set bist jetzt du, teatro mundi fällt dir ein, und du machst die Bühnenscheinwerfer an, die unglaublich warm werden und vor deren Lichtkegel sanfter Dampf aufsteigt in den Nachthimmel:
stars shining bright above you / night breezes seem to whisper: I love you.

Auch Sehnsucht darf mal reinkommen in einen guten Film, in deinen Oscarvorschlag für dieses Jahr, aber es muss ja nicht traurig werden, nur mäßig melancholisch, weil alles vergeht, wie der Wasserdampf vor den Scheinwerfen und dann irgendwann kommt alles wieder, alles wird gut, Regen, der zurück kommt und die verwelkten Blumen nochmal benetzt oder ganz kleine, silberne Flecken macht:
So your phantom follows me / like a child would his mother. 
Und wenn die Tür aufgeht, du ankommst und hineingehst, wohin auch immer du musst, weil dein Bett jetzt leer ist und das Radio an deiner Küchenzeile ganz still, dann schreitest du nun auf den braunen, roten und gelben Blättern, und jedes Knirschen und Knistern ist ein kleiner Applaus für diesen gelungen Arthouse-Film, standing ovations, afterparty für diese Momente, die jeden Sommer einzigartig machen auf seine Art und Weise, ein bestimmtes Lied, eine Stimmung, eine Emotion: ein glückliches Auge mit ganz frohen Lachfalten drum herum.

Kommentare:

Elisabeth hat gesagt…

Eigentlich wollte ich keinen Komentar hinterlassen, sondern einen Link zum Lied, das sich mir in den Kopf schob, während ich las was du schriebst. Gibts aber tatsächlich nicht online.
Schön!

Benedikt hat gesagt…

Danke Dir!

Welches Lied/Interpret denn? Einmal im Netz, immer im Netz! ;-)

Kardinal M. hat gesagt…

Herrlich!

Helene hat gesagt…

Hast eine schöne Art zu schreiben, manchmal ein bißchen wie Kurt Tucholsky, aber das eher bei dem Street view text.
Und schöne Vergleiche, vor allem den, mit der Termalbad-Haut.
I like!

Benedikt hat gesagt…

Danke Dir! :-)

Luka hat gesagt…

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Luka hat gesagt…

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