Donnerstag, Oktober 14, 2010

Tatort Wohnzimmercouch oder: "Denk doch mal jemand wirklich an die Kinder"

That's her O-Face.
Seit circa einer Woche wogt eine eher zögerliche Welle der Polarisierung durch das Netz und die Presse: das neue Sendeformat von RTL2, namentlich Tatort Internet, hatte Erstausstrahlung.
Die RTL-2-Sendung "Tatort Internet" zeigt potentielle Kinderschänder, die sich nach Onlinechats mit vorgeblich Minderjährigen treffen wollen und begründet das mit dem Schutz vor Missbrauch. (Spiegel Online)
 Natürlich ist dieses Format nicht wirklich neu, in Amerika existiert derartiges bereits seit 2004, deutlich verschärfter als sein Deutsches Mimikri, unter dem Namen How to Catch a Predator.

Nun schrieb der große Umberto Eco bereits überzeugende Gedanken zum Thema Kindesmissbrauch (In der übersetzten Sammlung seiner Bustini di Minerva), aber eben nicht virtuell, folgend (und nicht im Ansatz vergleichbar) ein paar viel zu knapp gehaltene Punkte meinerseits:
Nichts liegt mir natürlich ferner, als eine Lanze für Kinderpornographie, Kindesmissbrauch, Kinderschokolade oder sonstirgendwas mit "Kind" vorneweg zu brechen. Zu der Sendung gibt es auch schon einige gute Artikel (Der hier auf Telepolis, oder auf FAZ von Stefan Niggermeier), doch der angeekelte Blick in Sendungsauszüge ließen mir keine Ruhe, zudem wurde das Format im alltäglichen Gespräch als positiv, wenn nicht zumindest als gutgemeint dargestellt. Ich möchte erst ein paar Grundfragen vorneweg stellen und diskutieren, um im Folgenden näher auf die Problematiken einzugehen, die sich mir daraus erschließen.

Vorneweg: Ich bewege mich jetzt textuell in pikanteren Themenbereichen als Herbst oder Katze. Man fühle sich daher auch zur angeregten Diskussion eingeladen!
"Denk doch mal jemand an die Kinder!"

Was also spricht für die Sendung, beziehungsweise wird von RTL2, Endemol, kurz: den Befürwortern positiv vorangestellt?

  1. Kinderpornographie ist schlecht.
  2. Mehr Netzüberwachung, um Kinder online besser zu schützen.
  3. Die Gesellschaft muss sich mehr mit dieser Problematik auseinandersetzen.
Zu 1.: Natürlich ist Kinderpornographie, Kindesvergewaltigung, Kindesmissbrauch und was noch dazugehört verabscheuungswürdig, unmenschlich und unnatürlich. Auch nach längerem Nachdenken fällt mir wirklich nichts Positives dazu ein.

Zu 2.: Die obig genannten Artikel setzen sich bereits zu Genüge und ausführlicher mit diesem Thema auseinander.

Zu 3.: Der Ausdruck "Die Gesellschaft" impliziert das Gros der sozialisierten demographischen Masse. Sage ich jetzt mal so. Ausgenommen also zum Beispiel verurteilte Häftlinge, denn die sollen ja "resozialisiert" werden. (Ich wähne mich hier auf juristisch streitbaren Gewässern und werde für jeden guten Kommentar Zentimeter für Zentimeter zurückweichen.) Ob dieser Teil nun auf die obige These hingewiesen werden muss, halte ich für fragwürdig. Ich würde das unterschreiben, wenn es grob gefasst "Erziehungsmissstände" hieße oder "Verwahrlosung" von Kindern, aber auf eine allgemein anerkannte ethische Norm? Ich glaube, es gibt wichtigere Missstände, die es an den Pranger zu heften gilt: Sei es das große Feld der Bildungsthematik. Oder, so das zu Genüge behandelt wurde, Umweltprobleme oder fehlende Menschlichkeit in der Arbeitswelt (wirklich sehr sehr vage formuliert). Also das stimmt für mich einfach. "Missbraucht keine Kinder" = "Wasser ist nass" = "Stein fällt nach unten". Klarer Fall.

Warum mag ich nun also eine Sendung nicht, die obiges unterstützen möchte?

That's her O-... (von stern.de)
Nun, es ist effekthaschend, verzerrt Fakten und propagiert eine gewisse Selbstjustiz oder Lynchmob, der die Aufgaben der Polizei übernehmen möchte, welche aber durchaus ihre Daseinsberechtigung hat - Stichwort Menschenrechte, Respekt vor Privatsphäre undundund. Auf stern.de habe ich mir Teile der Sendung angesehen. Schnitt, Sounduntermalung, grafische Effekte sowie der klassische Einsatz von Pseudo-Autoritäten (Insert: man nehme irgendeine Psychologin mit Kurzhaarschnitt, einen grauhaarigen Sexualforscher, einen dicken Polizist) sind das Glutamat des Unterbelichteten. Schnelle Abfertigung, ein einfacher Sprachstil, die grafische Darstellung der Auto-Unfall-Details (Man kann sich nicht Abwenden, Pikantes ist unkenntlich gemacht und doch klar zu erkennen: Phallus) machen den audiovisuellen Fastfood komplett.

Gelingt einem der längere Konsum, sieht man die unfähige Mutter Nicole und ihre bemitleidenswerte Tochter Mandy, die über Monate stundenlang sich in Chaträumen herumtreibt. Ich weiß, ich weiß, jetzt wirkt es zynisch, aber: Wenn ich mir Mandy ansehe, den Blick auf ihre Mutter wende und dann wieder Mandy betrachte: Mandy (und ihre Mutter) ist von einigen, wesentlich schlimmeren oben genannten Missständen viel wahrscheinlicher betroffen als von Triebtätern. Natürlich sollte Mandy auch davon nicht betroffen sein.

Versuchen wir uns also an Statistiken: Laut den polizeilichen Zahlen auf  Kinderschrei.de wurden im Jahr 1999 19.436 Kinder Opfer von sexuellem Missbrauchs, davon bestand bei 9.368 keine Bekanntschaft mit dem Täter. Die Seite der Polizei zum Jahre 2009 hierzu zählt hier nun 11.319 erfasste Fälle, von diesen bestand bei 4.759 Fällen keine Bekanntschaft mit dem Täter (bei weiteren 1.077 ist die Beziehung ungeklärt). Öh...Stephanie vonundzu? Abgesehen davon, dass das in jedem Fall 20.000 beziehungsweise 12.000 Fälle zuviel waren, finde ich an diesen Statistiken vor allem schockierend:

Fast 60% (zwei Drittel!) der Fälle geschahen gegenüber dem Jahr 1999 (ca 40%) in einer verwandt- oder bekanntschaftlichen Beziehung zwischen Täter und Opfer. Die Polizei betont gar noch, dass speziell in verwandtschaftlichen Verhältnissen mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen ist. Ich fühle mich also durchaus bestätigt in der Annahme der Effekthascherei seitens RTL2 und fordere konsequenterweise: Schützt unsere Kinder vor schlimmen Eltern. Kann man dazu bitte ein Format machen? Der Konsum von RTL2 dürfte dem Problem außerdem eher zuträglich sein. Mein Artikel ist also auch im Hinblick auf das wirklich grauenvolle amerikanische Format inklusive Selbstjustiz und Lynchmob ein "Wehret den Anfängen".

Abschließend darf ich dem Leser, trotz sehr ernstem Thema, diesen Schmunzler nicht vorenthalten:

Gefunden auf twitter.

Und möchte zudem die Frage stellen, auch wenn es etwas Klassenkampf von oben ist: Wer möchte bitte zukünftig, sollte Bayern tatsächlich mal einen Bundeskanzler stellen, eine ehemalige RTL2-Moderatorin als First Lady?

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