Dienstag, Oktober 05, 2010

"You're so fuckin' special"

So Geburtstage ziehen ja immer jede Menge Feier hier, Feier da, Essen dort, Wastrinken jenes, Zug hin, Taxi zurück nach sich, jetzt bin ich ganz beschallert und gewöhn mich langsam dran, dass die Mauer gefallen ist. Dafür benötigt man ja auch soziale Kontakte und deswegen war ich gestern mit Marius, Herr Huaba und Karl im Kino. Genauer: in The Social Network. Und darüber will ich jetzt etwas schreiben, denn weil Karl und ich uns gleich die übelst gute Interpretation überlegt hatten und wir in der Preview waren, also unserer Zeit ein paar Tage voraus sind, muss ich das jetzt gleich "bloggen". ("Bloggen" bitte in Würgelauten aussprechen.)



Noch dazu ist das zum ersten Mal, dass ich eine Kino-Review schreibe. Ich bin ja ganz aufgeregt! Andererseits habe ich das schon ein paarmal bei Maria gelesen, andererseits lese ich ja auch sonst jede Menge interessante Sachen, hier im Internet.

Der Film ist auf imdb als Drama, History eingeordnet. Man weiß ja ein bißchen, was wohl kommen wird, dank Trailer und common sense. Ein bißchen wie Passio Christi, viel Spoilern kann man nicht. Umso interessanter folglich, wie Screenplay und Storyline einen bei der Stange halten! Vorneweg: Der Film war sehr, sehr gut. Die Storyline überzeugt und spielt sehr gut mit der Charakterzeichnung und dem absolut genialen Soundtrack zusammen.

Also mal erst die Optik, dann der Inhalt. Der Film wirkt modern, es gibt keine Splitscreens (oder wie man das nennt, 8 von 5 Medienexperten meinten, die seien jetzt "out", obwohl sie bei Up in the Air noch dran kamen. Hm.), dafür zwischendurch an die Geschichte angepasste schnelle Cuts und teils schöne Gimmicks, wie eine Zeitraffer-Aufnahme von San Francisco von Tag zu Nacht, um dann in einen Club über zu leiten.

Mein persönliches Highlight war die Szene der Rudermeisterschaft: David Fincher fährt mit Tilt/Shift-Einstellung auf die Szenerie zu, im Hintergrund spielt Peer Gynt's "In der Halle des Bergkönigs". Ist die Tilt/Shift-Einstellung erst ein Hohn auf die etablierte Oberschichten/Ivy League-Gesellschaft, so sind die angestrengten Gesichter der rudernden Studenten für mich ein schöner Vergleich, wie die klassische Wirtschaftselite verbissen versucht, Jungspunden wie Mark Zuckerberg oder Sean Parker hinterher zu eifern.
Münchner Fantasien anno 2001: exitorientiertes Unternehmen gründen, Praktikantin auf Weihnachtsfeier vergewaltigen. So schauen.
Die Storyline wird geschickt aufgebaut; der Haupt-Erzählstrang, also die Genese von Facebook, wird chronologisch erzählt, jedoch immer wieder von Szenen aus zwei Gerichtshandlungen unterbrochen, welche das Erlebte der Hauptgeschichte geschickt hinterfragen und den Charakter Mark Zuckerberg aus allen möglichen Winkeln betrachten - und dabei auch zu diesem transparenten Glasmensch machen, den der echte Zuckerberg so gern propagiert. Haupthandlung und Gerichts-Szenen laufen am Ende in dem Verhandlungsraum zusammen, wo Mark sich mit Eduardo, seinem wohl einzigen (Ex-)Freund, über Gründungs- und Finanzfragen anhand von Kanzleien streitet.

Da The Social Network auch zu einem großen Teil Charakterstudie dieses (wohlbemerkt fiktiven) Mark Zuckerberg's ist, erscheint es passend, dass der Film mit einem (finalen) Dialog zwischen Zuckerberg und seiner ersten Freundin, Erica (solides Acting, klassisches High-School-Girl), beginnt und auch mit Mark's Auseinandersetzung mit Erica endet. Es wird durchaus suggeriert, dass Erica, auch als Sinnbild für jedwede Alterität zu Mark Zuckerberg, durch die mangelnde Anerkennung seines Genies die treibende Motivation hinter seinem Handeln ist.

Jesse Eisenberg spielt einen soliden Mark Zuckerberg. Zuerst war ich nach dem Kino schon sehr des Lobes, aber im Nachhinein gesehen ist die schauspielerische Leistung zwar anerkennenswert, aber keinesfalls beeindruckend. Autisten wurden schon öfter und intensiver dargestellt, Nerds ebenso. Jemand, der dazugehören will, nicht völlig nerdy ist, aber schon irgendwo planlos einen an der Klatsche hat, so wird der fiktive Mark Zuckerberg gezeichnet und überzeugend gespielt. Das ich die schauspielerische Leistung jetzt nicht als Oscar-verdächtig empfinde, liegt vor allem daran, dass er seinen Gesichtsausdruck fast nie ändert. Das ist nämlich eine Mischung aus den beiden Folgenden:
Und das resultiert dann in dem da rechts. Hervorzuheben ist Justin Timberlake, der einen überzeugenden, quirligen und enthusiastischen Sean Parker als Napster-Gründer spielt, der nun wieder irgendwie an das Geschäft mit dem Internet heran möchte, nämlich irgendwo für (wie bei allen anderen auch) Frauen, Drogen, Partyleben, und vor allem: sein Ego. Ohne Ego gäbe es nämlich kein Facebook, kein Napster und einen Haufen anderer Dinge auch nicht.

Die Konstellation der verschiedenen Charaktere ist sehr ausgeklügelt und deren Genie wird den gesamten Film durch gehalten. Nach dem Film reflektiert man bewusst über die Veränderung der verschiedenen Personen, deren Wandlungen und auch der Entwicklung der Gesellschaft. Weder gibt es in The Social Network echte Helden, noch echte Feindbilder. Sind die Winklevoss-Brüder am Anfang nahe dran, man fürchtet schon eine American Pie-artige Inszenierung à la "dummer Snob und Frauenheld", so wirken auch sie im Lauf der Handlung als aufrechte, ehrgeizige und sportive Typen, die auch im Angesicht der Niederlage nicht arrogant werden. Sie kämpfen letztlich ihren eigenen Kampf, gegen ihre Gesellschaft der Eliten, geprägt von Oberflächlichkeit, Geltungsdruck, der Erfolg der Eltern und die nur scheinbar gültigen Normen in Kreisen der Ivy League. Auch Eduardo Saverin, gespielt von Andrew Garfield,ist so ein verzweifelter Held, dem eben zum Durchbruch dieser Funke fehlt, welcher Mark Zuckerberg auf Kosten von anderen Qualitäten leitet.

"It's a man's world": Allein die Frauen kommen im Film etwas mies weg. Da gibt es letztlich lediglich Erica und Christy, letztere eigentlich ein asiatisches Dummchen und Groupie als Nerd-Love-Interest, erstere als kurze unerreichbare Antipode, die mit einem gesunden Gesellschaftsleben und Werten aus einer normalen, wohl mittelständischen Gesellschaft den Kontrast zu Mark's Vorstellungen von Erfolg darstellt.
"Ich weiß, wo deine Hand ist!" "Gnihihihihi moneeeeeeeeyyyyyy!!11$$$$"

Der echte Mark Zuckerberg (interessant hier: ein Artikel über ihn im The New Yorker, der bisher ausführlichste, sowie sein Twitter-Konto mit der kuriosen Meldung "175 Million :)" vom 14. Februar 2009, Valentinstag) selbst behauptet, den Film nicht ansehen zu werden. Betrachtet man seinen filmischen Charakter, kann man das gut nachvollziehen. Der milliardenschwere Facebook-Macher, welcher erst seit kurzem lernt, eigene Schritte in der Öffentlichkeit zu gehen, lässt sich als geltungsbedürftiger Nerd zusammenfassen, der sich von seinem gierigen Umfeld dazu bringen lässt, seine wenigen wahren Freunde zu verraten. Rückgratlos, ohne Empathiebegabung und mit wenig eigenen Ideen außerhalb des "Tunnels", also der virtuellen Welt, beginnt sein Charakter im Film so, wie er endet: ein einsamer Mensch vor einem Computer, und die Olle ist auch weg.

Kommentare:

Kardinal M. hat gesagt…

Super!!!
Wieder einmal ein Klasse Werk ;)

juliafrique hat gesagt…

wonderbra.

Benedikt hat gesagt…

Appreciation appreciated - cheers!